Notfall- und Traumapädagogische Arbeit nach dem Erdbeben von 2023


Türkei: Dritter Einsatz im Erdbebengebiet
Auch wenn das Erdbeben nun schon über zehn Monate her ist, leben immer noch tausende Menschen in Notunterkünften, viele Kinder können nicht in die Schule gehen und der nahende Winter erschwert die Lebenssituation für viele. „Die immer wieder auftretenden Nachbeben wirken oft traumatisierend, vor allem für Kinder“, erzählt eine Erzieherin in Hatay.
Neben Lina Bäuerle bestand das Team aus sechs türkischen und einem deutschen Notfallpädagogen. Die notfall- und traumapädagogische Arbeit fand wie beim letzten Einsatz hauptsächlich in Camps und Schulen statt. Tagsüber wurde mit über 100 Kindern zwischen drei und 13 Jahren gearbeitet. Zusätzlich bot das Team am Abend eine Einführungsveranstaltung für lokale Erzieher:innen an. Bis zu 40 lokale Pädagog:innen nahmen an der Einführungsveranstaltung, bestehend aus praktischen und theoretischen Komponenten, teil. Durch die diverse Zusammenstellung des Teams konnte den Kindern eine Vielzahl an notfallpädagogischen Methoden angeboten werden. Die praktischen Einheiten mit den Kindern bestanden aus erlebnispädagogischen Aspekten und künstlerischen Aktivitäten wie Aquarell, Ton und freies Malen.
Das achtköpfige Team war eine Woche vor Ort. Mit Unterstützung unserer lokalen Koordinatorin Cansu Kaygisiz öffneten im November außerdem zwei Child Friendly Spaces in Hatay in denen, bis Sommer 2024 bis zu 60 Kinder regelmäßig Notfallpädagogisch betreut werden.

Nach dem Erdbeben in der Türkei: Eltern sorgen sich um die Zukunft ihrer Kinder
Vom 24. Juni bis zum 8. Juli 2023 war ein internationales Team der Freunde der Erziehungskunst, bestehend aus sieben türkischen, drei deutschen und zwei irakischen Notfallpädagog:innen mit Kindern, Eltern und Pädagog:innen in der Provinz Hatay. „Die Zerstörung in der Region ist sehr deutlich“, berichtet Einsatzleiterin Fiona Bay, „einige Bereiche sind bereits aufgeräumt, aber Trümmer bestimmen noch immer das Gesamtbild.“ Viele Menschen leben noch Monate nach dem Beben in Zelten vor oder neben ihren zerstörten Häusern, aber auch in großen Zelt- und Containerlagern. Während unseres Einsatzes in Hatay arbeiteten wir gleichzeitig mit Kindern und Eltern. Nach einem Anfangskreis mit Eltern und Kindern teilte sich unser Team auf, sodass die Eltern in Abwesenheit ihrer Kinder über alles sprechen konnten.
„An unserer Elternarbeit in der Provinz Hatay haben vor allem Mütter und wenige Väter teilgenommen“, berichtet die türkische Notfallpädagogin Filiz Karahasanoğlu, „viele Männer arbeiten im Ausland und kommen ein- bis zweimal im Jahr für einen Monat nach Hause.“ So tragen die Mütter fast allein die Verantwortung für die Familie. Der Vorteil ist, dass die Arbeitsplätze im Ausland erhalten blieben, während viele Menschen in Hatay durch das Erdbeben ihre Arbeit verloren haben. Doch für die Frauen, die allein mit ihren Kindern in den Zeltlagern leben, ist es schwierig: „Viele Frauen fühlen sich nicht sicher und möchten vor allem nachts nur mit Begleitung zu den Gemeinschaftstoiletten gehen“, berichtet Karahasanoğlu.
Teil der Arbeit mit den Eltern war zum Beispiel Psychoedukation zu Trauma und Trauerprozessen und Erziehungsberatung, insbesondere in Bezug auf den Umgang mit Ängsten und Albträumen. Darüber hinaus haben wir Stabilisierungs-, Körperwahrnehmungs-, Bewegungs-, Atem- und Konzentrationsübungen durchgeführt und Bastel- und Handarbeitsangebote gemacht.
„Die Eltern waren sehr offen, hatten viel zu sagen und ein großes Bedürfnis, sich mitzuteilen“, sagt Filiz Karahasanoğlu. „Sie haben uns erzählt, wie sie das Erdbeben erlebt haben, wie sie reagiert und die Kinder in Sicherheit gebracht haben. Sie haben auch darüber gesprochen, welche Fehler sie dabei gemacht haben. Eine Teilnehmerin machte sich große Vorwürfe, weil sie einen Schrank in die Nähe der Eingangstür gestellt hatte, der dann beim Beben umstürzte und den Weg versperrte.“ Das größte Thema für die Eltern waren die Ängste der Kinder. Manche weigern sich, allein zu schlafen. Viele möchten bestimmte Orte wie das Haus oder das Zelt nicht verlassen oder auch nicht betreten. Manche sind nach dem Erdbeben sehr still geworden, wollen nicht mehr reden, ziehen sich zurück. Einige werden ungewöhnlich aggressiv. Da viele Angehörige bei dem Erdbeben ums Leben kamen, gab es auch große Ängste, dass die überlebenden Eltern ebenfalls sterben könnten. So fragte ein sechsjähriges Kind seine Mutter: „Mama, was soll ich machen, wenn du auch stirbst?“ Wir haben mit den Eltern erarbeitet, wie sie mit den Ängsten und Sorgen der Kinder umgehen können.
Nicht nur die Kinder, auch die Eltern haben ein schweres Trauma erlebt. Sie haben Familienangehörige und andere nahestehende Menschen verloren und konnten noch nicht wirklich trauern, weil andere Probleme und Prozesse im Vordergrund standen. Sie haben Angst vor der Zukunft und sehen mit Sorge einem weiteren Winter in Notunterkünften entgegen.
Wir arbeiteten mit ihnen daran, ihre Ressourcen zu stärken und zu erweitern. Was kann ich gut? Wie kann ich meine Fähigkeiten wieder aktivieren? Welche Möglichkeiten habe ich? Wie kann ich mein aktuell sehr fremdbestimmtes Leben gestalten? Was kann ich selbst dafür tun?
Die Reaktivierung der Fähigkeit, ins Handeln zu kommen, zeigte sich besonders in der Handarbeit. Nachdem wir gemeinsam Traumfänger aus Wolle gebastelt hatten, wollten die Teilnehmenden mit der Handarbeit weitermachen. „Eine Frau erinnerte sich dran, dass sie noch Perlen hatte, und brachte die mit“, erzählt Filiz Karahasanoğlu. „Daraufhin hat die ganze Gruppe Armbänder gebastelt. Daraus entstanden weitere Ideen und alle schauten, welche Materialien sie noch hatten und brachten sie mit. Eine Teilnehmerin konnte Taschen häkeln und brachte es den anderen bei. Sie freuten sich, gemeinsam etwas zu schaffen. Sie wurden so produktiv, dass sie sogar überlegten, etwas herzustellen und zu verkaufen.“
Aufgrund des hohen Bedarfs an psychologischer Unterstützung haben wir Kontakt zum türkischen Psychologenverband in Hatay aufgenommen, um eine langfristige psychologische Beratung zu ermöglichen und zu gewährleisten. Den Familien wird nun dauerhaft eine wöchentliche Beratung oder Therapie angeboten.
Eine Gruppe türkischer Notfallpädagog:innen führt Ende August einen weiteren Einsatz in Hatay durch. Außerdem wird ein internationales Team voraussichtlich im Oktober dort aktiv werden, um weitere Unterstützung anzubieten.

Notfallpädagogische Arbeit mit Kindern im türkischen Erdbebengebiet
Am 4. März reiste ein notfallpädagogisches Team der Freunde der Erziehungskunst in der Türkei und begann seine Arbeit mit einem Seminar in Istanbul. Die Teilnehmenden mit und ohne pädagogische Erfahrungen waren für ihre verschiedenen Arbeitszusammehänge in Verbindung mit dem Erdbeben dankbar für das ihnen vermittelte Wissen über Trauma, seine Symptome und Methoden, die in der Arbeit mit traumatisierten Menschen angewendet werden können. Der durch Spenden von Aktion Deutschland Hilft finanzierte Einsatz begann am 6. und 7. März in Malatya mit einem insgesamt 14-köpfigen Team, in dem neben Mitgliedern aus Deutschland, der Schweiz, Griechenland und dem Irak auch sechs Pädagoginnen und Pädagogen aus der Türkei vertreten waren. Im ostanatolischen Malatya fiel auf, dass es keine großflächige Zerstörung gibt. Zwischen einzelnen Häusern, die fast unversehrt aussehen, sind andere Häuser komplett zusammengesackt.
„Wir haben mit türkischen Kindern gearbeitet, die evakuiert wurden, weil ihre Häuser zerstört oder nicht mehr sicher genug wahren“, berichtete Einsatzleiterin Raphaela Logemann während ihres Einsatzes, „außerdem mit syrischen Kindern, die entweder bereits zum Zeitpunkt des Bebens als Geflüchtete in der Türkei lebten oder nach dem Erdbeben gekommen und seit etwa drei Wochen hier sind. Auch einige Kinder aus Afghanistan sind dabei.“
Neben der Arbeit mit den Kindern wird der Einsatz genutzt, um Netzwerke aufzubauen. „Wir vernetzen uns mit anderen NGOs – regional und international – um zu evaluieren, wie langfristige notfallpädagogische Strukturen aufgebaut werden können“, so Logemann.
Am 8. März reiste das Team in Gaziantep weiter und somit in eine Gegend, die sich näher am Epizentrum des Bebens befindet. Die Zerstörung ist hier großflächiger. Häuser, die nicht komplett eingestürzt sind, sind in der Regel so stark beschädigt, dass sie nicht mehr bewohnbar sind. Die Arbeit begann im nahe gelegenen Pazarcık in der Provinz Kahramanmaraş mit türkischen Kindern in einem Camp. Die Aktivitäten waren geprägt von Anfangs- und Abschlusskreisen. Dazwischen finden altersgerechte Angebote statt, wie zum Beispiel Märchenerzählen, Malen, Tonen, Kreis- und Bewegungsspiele.


