Im Jahr 2006 begegnete Bernd Ruf, damaliger Vorstand bei den Freunden der Erziehungskunst, in einem Flüchtlingscamp in Beirut, Libanon, Kindern und Jugendlichen mit traumatischen Kriegserfahrungen. Daraufhin entwickelte er ein umfassendes Konzept zur Notfallpädagogik. Ausgangspunkt dafür waren Fragen wie: Kann die Waldorfpädagogik mit ihren Methoden Kindern in akuten Krisensituationen dabei helfen, mit extremen Belastungen umzugehen? Können dadurch Selbstheilungskräfte gestärkt und kann gleichzeitig verhindert werden, dass aus akuten Belastungen langfristige seelische Verletzungen entstehen? Die durch Menschenhand verursachte Gewalt und die durch den Krieg schwer belasteten Geflüchteten im Libanon leiteten somit das erste notfallpädagogische Pilotprojekt der Freunde der Erziehungskunst in die Wege.
Aus den ersten Pilotprojekten im Libanon, nach den verheerenden Erdbeben in China 2008 und dem Krieg in Gaza 2009, geleitet von Bernd Ruf und unterstützt von ehrenamtlichen Mitarbeitenden, entstanden weitere Grundlagen, welche unsere Arbeit bis heute prägen. Neben der Etablierung einer eigenen Abteilung bei den Freunden der Erziehungskunst in Karlsruhe wurden zum Beispiel die ersten notfallpädagogischen Kinderschutzzentren aufgebaut – sichere Orte, an denen Kinder Stabilität, präsente Bezugspersonen und kreative Aktivitäten nach der Waldorfpädagogik finden können. Schon früh wurde deutlich, dass nachhaltige Hilfe mehr bedeutet als kurzfristige Unterstützung.
Aus einzelnen Projekten entstanden mit der Zeit langfristige Partnerschaften und eigenständige Initiativen. Mittlerweile gibt es notfallpädagogische Teams unterschiedlicher Größe (zwischen fünf und circa hundert Personen) in mehr als dreißig Ländern. In der Regel sind sie durch einzelne engagierte Ehrenamtliche in den jeweiligen Ländern entstanden, die sich zusammengefunden haben. Sie reagieren auf Naturkatastrophen, Krieg, Flucht und andere Krisensituationen – immer angepasst an die jeweiligen kulturellen und gesellschaftlichen Bedingungen.
Stand anfangs vor allem die akute „Erste Hilfe für die Seele“ im Mittelpunkt der Arbeit, rückten zunehmend auch langfristige Themen in den Fokus. Viele Kinder und Jugendliche, denen wir in unserer Arbeit begegnen, bringen nicht nur aktuelle Belastungen, sondern auch ältere Verletzungen und unverarbeitete Erfahrungen mit. Daher stellten wir uns immer häufiger die Frage: Wie können wir akute Krisen begleiten und zugleich Raum für tiefere Heilungsprozesse schaffen? Um dieser Frage eine Antwort zu geben, haben Expert:innen zusammen mit dem Team der Abteilung Notfallpädagogik der Freunde immer weiter an den Methoden gearbeitet. Erfahrungen der Traumapädagogik fließen heute genauso in die Arbeit ein wie Erkenntnisse aus dem stetig besseren Verständnis der Psychotraumatologie. Basis für unsere Arbeit bleibt dabei immer das anthroposophische Menschenbild und die Waldorfpädagogik.
Wir Notfallpädagoginnen und Notfallpädagogen sind immer wieder neue Wege gegangen, um auf besondere Begebenheiten zu reagieren. Beispielsweise wurde an unseren Einsatzorten in der Ukraine deutlich, dass es besonderer pädagogischer Herangehensweisen an die Betreuungssituation im Bunker bedarf. Eine Pädagogin aus Charkiw im Osten der Ukraine berichtet, wie sie während der vielen Stunden im Bunker Übungen mit Kindern durchführt, die sie im Rahmen von unserer notfallpädagogischen Fortbildung gelernt hat. Der Bunker wird also nicht nur zur physischen Sicherheit aufgesucht, er wird darüber hinaus zu einem Raum, in dem die Kinder an künstlerischen Aktivitäten teilnehmen oder der Erzählung von Märchen zuhören können. Als es zu den ersten Angriffen des Irans auf Israel kam, konnte unsere Kollegin aus der Ukraine ihre neuen Erkenntnisse mit Pädagog:innen aus Israel teilen, die diese dankbar aufnahmen.
In Kolumbien wurde Notfallpädagogik Teil eines Programms für junge Menschen, die durch Drogenschmuggel und Armut in ihren Vierteln besonders von Gewalt betroffen sind. Auf den Philippinen unterstützte ein Team Kinder, die unter Schutz standen, nachdem sie Opfer digitaler Gewalt geworden waren. In Argentinien arbeiten ehrenamtliche Notfallpädagog:innen mit Jugendlichen in Gefängnissen. Trotz aller Unterschiede können wir aus diesen Projekten eine gemeinsame Erfahrung mitnehmen: Heilung geschieht selten in Isolation.
Das konnten wir auch sehr deutlich während unseres Einsatzes in einem Flüchtlingslager in Uganda im April dieses Jahres sehen. Wir arbeiteten mit einer Organisation, die von jungen Geflüchteten aus dem Kongo gegründet wurde. Mit ihrem Engagement schaffen sie sichere Orte, an denen Kinder tanzen, spielen und Gemeinschaft erleben können. Auf die Frage, woher der Wunsch und die Kraft kommt, trotz mangelnder finanzieller und materieller Ressourcen die Arbeit mit den Kindern durchzuführen, hörten wir immer wieder dieselbe Antwort: „Ich möchte das, was mir geholfen hat, an unsere Kinder weitergeben.“ Vielleicht beschreibt dieser Satz besser als jede Fachdefinition, worum es in der Notfallpädagogik geht. Im gemeinsamen Spielen, Musizieren, Bewegen und Gestalten werden Kinder wieder handlungsfähig. Ein Trauma wirkt oft trennend – von sich selbst, von anderen Menschen und von der Welt. Gemeinschaft kann diese Verbindung wieder stärken.
Auch der Bedarf an Fortbildungen zu notfall- und traumapädagogischen Inhalten wächst weltweit weiter. Fachexpert:innen vermitteln während ihrer Seminare die Theorie der Psychotraumatologie und Notfallpädagogik sowie praktische Methoden aus Kunst, Bewegung, Erlebnispädagogik und anderen kreativen Ansätzen. Ein Thema hat in den letzten Jahren zusätzlich besonders an Bedeutung gewonnen: Selbstfürsorge. Denn wer Kinder in Krisen begleiten möchte, braucht auch Wege, mit den eigenen Belastungen umzugehen. Auch hier haben wir entsprechend reagiert und dem Thema mehr Raum während unserer Fortbildungen gegeben.
Zwanzig Jahre nach den ersten Einsätzen im Libanon ist die Gemeinschaft der Notfallpädagog:innen zu einem internationalen Netzwerk mit Teams in 30 Ländern geworden. Mehr als 500 Ehrenamtliche engagieren sich weltweit dafür, Kindern und Jugendlichen in schwierigen Lebenssituationen beizustehen.
Für die Zukunft wünschen wir von der Abteilung Notfallpädagogik der Freunde uns, auch weiterhin unsere Kolleginnen und Kollegen weltweit in ihrer Arbeit so gut wie nur möglich unterstützen zu können. Wir wünschen uns für Kinder in Krisengebieten, die traumatische Erfahrungen gemacht haben, mehr Orte, an denen sie die Möglichkeiten erhalten, ihre eigenen Selbstheilungskräfte zu aktivieren – mit Hilfe von Pädagoginnen und Pädagogen, die dort ihr Handlungspotenzial der Notfallpädagogik voll ausschöpfen können. Orte, an denen auch die Helfenden Hilfe erhalten und mal ausatmen können. Um dort hinzukommen, werden wir weiterhin, insofern es uns möglich ist, auf Rufe nach Unterstützung reagieren – immer mit dem Ziel, dass Kolleg:innen vor Ort die Arbeit fortführen können.
Fiona Bay

