Als ich noch klein war, habe ich nie daran gedacht, einmal Lehrerin oder Erzieherin zu werden – obwohl meine Mutter eine wunderbare Lehrerin war und mit großer Wärme von ihren Schülerinnen und Schülern erzählte. Mein eigener Weg führte mich zunächst in eine ganz andere Richtung: Ich wurde Ingenieurin. Erst durch meine eigenen Kinder kam ich mit der Waldorfpädagogik und der Anthroposophie in Berührung, und diese Begegnung veränderte mein Leben nachhaltig.
Nach einem einjährigen Praktikum in einem Waldorfkindergarten entschied ich mich, von 2000 bis 2003 in Stuttgart das Seminar für Waldorfkindergärten zu absolvieren. Mit dieser Ausbildung kehrte ich nach Georgien zurück und begann voller Begeisterung im ersten Waldorfkindergarten von Tiflis zu arbeiten. Sehr schnell zeigte sich jedoch, dass der Platz nicht für alle interessierten Familien reichte. Oft mussten wir Eltern und Kindern absagen – jedes Mal schmerzte es mich, wenn ich daran dachte, wie prägend diese ersten Jahre für ein Kind sind und wie sehr eine solche Absage ihr Schicksal beeinflussen könnte.
Gemeinsam mit Freunden dachte ich lange über einen zweiten Kindergarten nach, doch vieles schien dagegen zu sprechen. Eine entscheidende Wende brachte der Besuch von Nana Göbel von den Freunden der Erziehungskunst, die uns sehr eindrücklich sagte: „Ihr denkt mehr, als dass ihr handelt.“ Dieser Satz hat uns Mut gemacht und 2017 wagten wir den Schritt, mieteten Räume und eröffneten unseren neuen Kindergarten mit zunächst 50 Kindern.
Die Jahre danach waren nicht einfach. Die Corona-Pandemie traf uns hart, doch dank des unermüdlichen Einsatzes unseres Teams gelang es uns, den Kindergarten zu retten. Parallel organisierten wir ein eigenes Fortbildungsseminar, um neue Erzieherinnen und Lehrkräfte auszubilden. Als unsere ersten Kinder schulreif wurden, entschieden wir uns 2020 zur Eröffnung einer ersten Klasse. Wir zogen in größere Räume um, die zwar einen schönen Hof, aber erheblichen Renovierungsbedarf hatten. In nur zwei Monaten schufen wir mit vereinten Kräften ein kleines Wunder: Unsere staatlich anerkannte Schule startete mit 15 Kindern, und im Kindergarten betreuten wir bald 75.
Heute arbeiten bei uns 12 Erzieherinnen, die wir selbst ausgebildet haben. Insgesamt betreuen wir 75 Kindergartenkinder und 73 Schulkinder bis zur fünften Klasse. Viele Eltern wissen anfangs wenig über die Waldorfpädagogik. Doch sie suchen einen Ort, an dem ihre Kinder behütet, ohne mediale Überforderung und im Einklang von Körper, Seele und Geist aufwachsen können. Bei uns finden sie diesen Ort. Die Kinder kommen morgens gern – und abends wollen sie häufig gar nicht gehen. Die strahlenden Gesichter der Eltern und ihre Dankbarkeit sind für mich ein großes Glück.
Alles, was wir bisher erreicht haben, entstand aus eigener Kraft und mithilfe privater Darlehen – trotz der wirtschaftlich und politisch herausfordernden Lage in Georgien. Wir gehen unseren Weg mit Zuversicht weiter und sind dankbar für jede Unterstützung.
Nana Gvinjilia

