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Myanmar: Endlich wieder entspannt atmen können

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Ende September reiste Lina Bäuerle von der Abteilung Notfallpädagogik der Freunde der Erziehungskunst mit einem fünfköpfigen Team für zehn Tage nach Myanmar. Das Erdbeben im März hat viele Regionen erschüttert, Dörfer zerstört und viele Menschen in akute Not versetzt. Zusätzlich befindet sich das Land seit der Machtübernahme des Militärs 2021 im Kriegszustand. Tausende Menschen sind auf der Flucht und in manchen Regionen kommt es täglich zu Luftangriffen. Lina Bäuerle gibt uns einen Einblick in ihre Arbeit vor Ort:

Fröhliche Menschen in Myanmar beim Jonglieren während notfallpädagogischen Einsatz

Unser erster Halt war in Mandalay. Die lokale Organisation „ADORE Mental Health and Wellbeing“ hatte uns eingeladen, ein Training für ihre Angestellten und Ehrenamtlichen zu geben. An dem dreitägigen Einführungsseminar nahmen 15 Personen teil. Wir gaben eine Mischung aus theoretischem Input zu Notfall- und Psychotraumatologie sowie praktische Übungen aus der Eurythmie sowie Kunst- und Erlebnispädagogik. Besonders schön fand ich, wie offen die Teilnehmenden über ihre Herausforderungen im Umgang mit mentaler Gesundheit sprachen. In Myanmar ist dieses Thema weiterhin stark tabuisiert. Die Teilnehmenden berichteten uns, dass unsere Arbeit, und insbesondere in Bezug auf die Stigmatisierung von mentaler Gesundheit in Myanmar, sehr wertvoll für sie war. Sie fühlen sich nun in der Lage, auch anderen Menschen im Bildungssektor zu erklären, warum das Thema Trauma in diesem Kontext so wichtig ist und Aufmerksamkeit verdient.  

Nach diesen ersten intensiven Tagen in Mandalay ging es weiter nach Taunggyi. Hier hatten wir bereits im Mai ein erstes zweitägiges Seminar unter anderem zu „Trauma und Notfallpädagogik“ gehalten, nun wollten wir tiefer in die Thematik einsteigen. Fünf Tage lang arbeiteten wir mit einer festen Gruppe von etwa 30 Lehrkräften und 40 Schüler:innen zwischen 16 und 20 Jahren. Die Vormittage verbrachten wir mit den Lehrkräften. Der Fokus lag auf der Vermittlung theoretischer Grundlagen wie Psychotraumatologie und Notfallpädagogik, es gab aber auch Raum für den Austausch untereinander. So entstand die Möglichkeit, offene Fragen zu stellen, Zweifel zu äußern und persönliche Geschichten zu teilen. Dabei fielen uns die kulturellen Besonderheiten der burmesischen Kultur auf. In dieser ist es zum Beispiel nicht üblich, offen Fragen zu stellen. Wir ließen daraufhin die Fragen anonym auf Zettel schreiben, die wir dann in der Runde besprechen konnten. Am Nachmittag kamen die Jugendlichen dazu. In gemeinsamen Workshops setzten wir das zuvor theoretisch Erarbeitete in Bewegung durch Eurythmie, Formenzeichnen und erlebnispädagogische Übungen um. Für mich war es sehr besonders, dass die Gruppen sowohl aus Lehrkräften als auch aus Jugendlichen bestanden. Das verlangte Flexibilität von den Trainer:innen aus unserem Team, sorgte aber auch für eine gute Lernatmosphäre und Dynamik innerhalt der Gruppe.  

Besonders eindrücklich war eine Begegnung mit einer der Jugendlichen für mich: Am Anfang der Woche nahm ich sie als sehr nervös und unsicher war, ihre Hände zitterten und sie kam kaum zur Ruhe. Sie nahm unter anderem an einer Gruppenübung mit dem „Fallschirm“ teil. Bei dieser Übung dient das große, farbenfrohe Tuch aus festem Stoff als spielerisches Werkzeug, um Bewegung, Zusammenarbeit und Vertrauen in der Gruppe zu fördern. Am dritten Tag kam sie morgens ganz aufgeregt auf mich zu und erzählte, dass sie seit Langem das erste Mal wieder eine Nacht durchgeschlafen hatte und endlich wieder entspannt atmen konnte. Solche kleinen Momente und Gespräche zeigen mir, wie wichtig unsere Arbeit ist.  

Nicht nur in unseren Trainings wurde deutlich, wie groß der Bedarf an Unterstützung ist. Bei einem Besuch in einem Dorf nahe Mandalay, einem der vom Erbeben stark betroffenen Gebiete, konnten wir sehen, was gezielte Hilfe bewirken kann: In diesem Dorf leben viele Menschen von der Weberei – die schweren Webstühle sind fest in den Betonboden der Häuser eingelassen. Das Erdbeben zerstörte die Häuser über den Webstühlen und diese waren so nicht mehr vor Wind und Wetter geschützt. Damit verloren zahlreiche Familien nicht nur Wohnraum und Rückzugsort, sondern sahen auch ihre wirtschaftliche Existenz bedroht. Durch unsere finanzielle Unterstützung konnten rund 60 Häuser repariert werden. Eine Frau führte uns durch das Dorf, zeigte uns die Häuser und erklärte, was genau wiederaufgebaut wurde: Dächer, Wände, kleine Werkstätten. Sie erzählte, dass sie nun wieder arbeiten und sogar Geld zur Seite legen könne, um ihre Kinder in die Schule zu schicken. Mit den Mitteln unseres Projekts wurde außerdem ein großer Unterstand errichtet. Dieser dient inzwischen als provisorischer Schulraum für die Kinder aus dem gesamten Dorf – ein Ort, an dem Alltag, Lernen und Struktur wieder einen Platz finden. 

Während ich auf einen sehr ereignisreichen Einsatz in Myanmar zurückblicke, laufen bereits die Planungen für einen weiteren. Beim nächsten Mal wollen wir geflüchtete Menschen, die in Camps leben, unterstützen. Viele von ihnen sind durch den Bürgerkrieg aus ihrer Heimat vertrieben worden und haben nun auch noch das Erdbeben erlebt. 

Lina Bäuerle

Unsere Arbeit in Myanmar ist finanziell vor allem dank der Unterstützung unserer Spender:innen und Aktion Deutschland Hilft möglich. 

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