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Selbstfürsorge in der Notfallpädagogik: Wer gut für sich sorgt, kann mit Freude und Präsenz für andere da sein

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Heute, am 24. Juli, ist der internationale Tag der Selbstfürsorge (Self Care Day). In den letzten Wochen haben wir bereits einige Beiträge auf unseren Social-Media-Kanälen veröffentlicht, die zeigen, wie unsere Kolleginnen und Kollegen weltweit für sich sorgen und was ihnen im Rahmen der Selbstfürsorge besonders wichtig ist. Den heutigen Tag nehmen wir zum Anlass, einen Überblick darüber zu geben, was unsere Partner:innen und Kolleg:innen der Trauma- und Notfallpädagogik in der Türkei, in Mexiko, Kolumbien, Myanmar, Kenia, dem Libanon und in der Ukraine zu dem Thema bewegt und wie sie es schaffen, trotz der meist sehr herausfordernden Umstände um sie herum, für sich zu sorgen und dadurch Kraft an andere weiterzugeben.

Person schreibt auf Whiteboard zum Thema Selbstfürsorge

Immer wieder schreiben wir über unsere notfallpädagogischen Aktivitäten und Projekte und schildern in unseren Berichten auch die schwierigen Kontextbedingungen, unter denen unsere Kolleg:innen weltweit arbeiten. In der Ukraine werden zum Beispiel Fortbildungen durch Luftalarm unterbrochen oder mitunter im Bunker abgehalten. In Gaza sind aufgrund der andauernden Kämpfe Gefühle der Ausweglosigkeit und Angst auch bei den Pädagog:innen vor Ort allgegenwärtig geworden. In Myanmar sind in der Region Sagaing durch das Erdbeben viele Gebäude zerstört, so dass unsere Kolleg:innen vor Ort in Garagen oder provisorischen Bauten arbeiten müssen. Trotz aller Schwierigkeiten versuchen sie mit allen Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen, Kindern einen Ort der Sicherheit zu gestalten. Sie möchten ihnen die Möglichkeit geben, durch künstlerische oder erlebnispädagogische Aktivitäten das oft traumatisch Erlebte zu integrieren und in ein gemeinsames Tun zu kommen. 

Wie aber sorgen unsere Kolleg:innen für sich, um unter solchen äußerst schwierigen Bedingungen wie Krieg, Naturkatastrophen und eigenen Verlusten von geliebten Menschen weiterhin Kräfte zu haben, mit denen sie Kindern, Jugendlichen und auch anderen Erwachsenen helfend zur Seite stehen können? Wie schaffen sie es, ihre inneren Kräfte zu pflegen?

Innere Ressourcen, Erlebtes zu sortieren, sind immer individuell. Auch äußere kulturelle Faktoren haben einen Einfluss darauf. Aber immer da, wo ein besseres Verständnis für das wächst, was passiert, entstehen auch neue Möglichkeiten, das Erlebte und dessen Auswirkungen anzugehen. Türkü, Waldorflehrerin und derzeit Teilnehmerin an der Notfall- und Traumapädagogischen Fortbildung in der Türkei, teilt ihre Erkenntnis, dass sie oft das Außen als Priorität wahrnahm und dadurch Stress ein ständiger Begleiter wurde: „Das hätte zu einem Burnout führen können. Mir wurde jedoch klar, dass ich auf mich selbst achten, Mitgefühl für mich selbst entwickeln und auf meine innere Stimme hören sollte. Dadurch stärke ich meine körperliche und seelische Resilienz sowie mein inneres Gleichgewicht.“

Kolleginnen und Kollegen aus Mexiko und Kolumbien beantworteten die oben gestellte Frage, indem sie beschreiben, wie sie konkret durch Morgen- und Abendkreise Rhythmen in den Tag einbeziehen und diese Struktur und den Rahmen als Ort der Begegnung nutzen. „In unserem Team ist Selbstfürsorge keine Einzelaufgabe – wir kümmern uns gemeinsam umeinander. Mit morgendlichen und abendlichen Teamkreisen, einem Buddy-System zur gegenseitigen Hilfe und Absicherung, offenen Gesprächen, viel Lachen und regelmäßiger Reflexion schaffen wir Räume für echte Verbindung, emotionale Unterstützung und gemeinsames Wachsen. Denn: Wer gut für sich sorgt, kann auch mit mehr Freude und Präsenz für andere da sein.“

Rhythmus und Struktur, aber auch selbstwirksam zu bleiben, erleben auch Kolleginnen in der Ukraine und dem Libanon, als hilfreich. Als der Krieg zwischen dem Libanon und Israel im September 2024 ausbrach, hörten wir von den Kolleginnen vor Ort, dass sie dankbar seien zu wissen, dass sie etwas tun können. Auch das Wissen rund um das Thema „Trauma und was die Kinder nun brauchen“, helfe ihnen, das Erleben ganz anders wahrzunehmen als im Vergleich zu 2006 als es noch keine Fortbildungen zur Notfall- und Traumapädagogik vor Ort gab. 

In der Ukraine fanden in den letzten Wochen schwere Angriffe statt – die stärksten seit Kriegsbeginn, so auch auf Kiew am 4. Juli. Unsere Kolleginnen vor Ort berichteten, wie Ihnen die Arbeit sowie die damit einhergehende Struktur und der Rhythmus durch den Tag helfen. Auch Gemeinschaft und das Auftanken in der Natur seien wichtige Kraftquellen, die ihnen guttun. 

Die Kombination aus Naturerleben und gemeinschaftlichem Miteinander stärkt Körper und Seele. Sie ermöglicht Selbstfürsorge, die nicht isoliert bleibt, sondern gemeinschaftlich getragen wird – leise, kraftvoll, menschlich.

Eine Gruppe von Fortbildungsteilnehmer:innen waren in der vergleichsweisen sicheren Westukraine für einen Fortbildungsblock zusammengekommen. Sie nutzten einen freien Tag, um gemeinsam wandern zu gehen. Dabei ging es um mehr als frische Luft und Bewegung: Es wurde gelacht, gesungen, miteinander gesprochen und aufeinander geachtet. Dort, wo das Gelände anspruchsvoll war, reichte man sich gegenseitig die Hand – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. In der Verbindung mit der Natur und im Erleben einer tragenden Gemeinschaft entstand ein tiefes Gefühl von Freude, Entlastung und innerer Kraft. Selbstfürsorge zeigte sich hier nicht als rein individuelle Praxis, sondern als gemeinschaftlicher Prozess – getragen von Vertrauen, Verlässlichkeit und der Bereitschaft, sich in schwierigen Zeiten gegenseitig zu unterstützen. Gestärkt durch diese Erfahrung kehrten die Teilnehmenden in ihre herausfordernden Lebens- und Arbeitskontexte in der gesamten Ukraine zurück – mit dem Wissen, von der Gemeinschaft mitgetragen zu sein.

Eine Kollegin erzählt von ihrer tiefen Krise, in die sie stürzte, nachdem sie aus Gaza geflohen war. Physisch nun in Sicherheit, brach sie innerlich zusammen. Sie war überfordert von ihren Gefühlen der Scham und Schuld, da sie nicht mehr in Gaza bei ihren Lieben war, ihnen nicht mehr helfen konnte und selbst nun viele Möglichkeiten hatte. Die Kunst habe ihr geholfen, wieder eine innere Ruhe herzustellen und ihr die Kraft gegeben, mit der Vergangenheit und der Gegenwart besser umzugehen. 

Über die Bedeutsamkeit der Kunst und deren vielfältige Bereicherung unseres Daseins gibt es mittlerweile viel Literatur. Der österreichische Neurologe und Psychiater Viktor Frankl, der während des Zweiten Weltkriegs mehrere Konzentrationslager überlebte, beschreibt in seinem Buch „Trotzdem ja zum Leben sagen“, wie Kunst helfen kann, einen Sinn zu erfahren und innerlich gestärkt zu werden – besonders in sehr schwierigen Zeiten.

Kunst ist also auch eine Kraftquelle, aus der wir schöpfen können. Wie kann ich diese aber in mein Leben integrieren, wenn um mich herum nichts mehr ist, wie es war, ich mich zum Beispiel im Krieg befinde? 

Oft geht es gar nicht um die großen Aktivitäten, sondern um kleine Schritte. Eine Teilnehmerin eines Workshops in der Ukraine sprach von einer Initiative mit dem Namen „Stimme der Seele“. Die Frauen der Stadt, in der sie lebt, üben Volksgesang. Sie finden dabei Erleichterung und Freude sowie die Kraft, sich um sich selbst zu kümmern. Die Musik gibt ihnen die Möglichkeit, ihre „inneren Batterien aufzuladen“. 

Eine Kollegin in Myanmar berichtet über ihre Flucht, all das erlebte Leid, das sie zur Flucht getrieben hat, sowie über die andauernde ständige Bedrohung des Bürgerkriegs und die zusätzlich herausfordernde Situation im Land nach dem Erdbeben. Immer wieder betont sie, wie wichtig es für sie ist, den Humor nicht zu verlieren – vor allem Lachen helfe ihr. Übrigens schrieb auch Nelson Mandela in seinen Memoiren über die Bedeutsamkeit von Heiterkeit für sein Überleben während der langen Zeit seiner Gefangenschaft. Humor ist also eine Möglichkeit, mit sich selbst in Verbindung zu treten, sowie ein rein physiologischer Prozess der Entspannung im Körper. Auch Frankl schreibt an anderer Stelle, wie Humor ihm half, Distanz zum Leid zu schaffen, wie dieser innere Freiheit ermöglicht und einen Bestandteil geistiger Widerstandskraft bildet. 

In jeder Begegnung mit Kolleginnen und Kollegen in den verschiedensten Ländern und Situationen, begegnet uns der Satz „Danke, dass ihr uns nicht vergessen habt“. Dort, wo ehrliche Begegnung stattfindet und wirkliche Empathie empfunden wird, öffnet sich ein Raum für Heilung. Wir können über Wissen und Erfahrungen das Konzept der Selbstfürsorge teilen – doch meist braucht es nur ein Anklopfen. Die meisten Kolleginnen und Kollegen haben viele eigene Ressourcen, die es zu erkennen und anzuerkennen gilt. Bei einem Projektbesuch im Flüchtlingslager Kakuma in Kenia wurde schnell klar, dass den Kolleg:innen vor Ort die Frage nach Selbstfürsorge in Form eines Konzeptes, wie wir es verstehen, fremd ist. Nicht aber, was sie konkret für sich selbst Gutes tun können. So bemerkt eine Mitarbeiterin, die selbst geflüchtet ist: „Mit den Kindern zu arbeiten ist wie Medizin für mich.“

Nicht beschrieben und erwähnt wurden die Ressourcen vieler, die sie durch ihre Religionen und/oder spirituellen Praxen haben. Auch diese begleiten viele unserer Kolleginnen und Kollegen weltweit. Wirkliche Selbstfürsorge beginnt also immer da, wo ich ein echtes Interesse an mir entwickele und dadurch auch ein ehrliches Interesse an dem Gegenüber aufbauen kann.

Fiona Bay

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