Auf meiner privaten Reise durch verschiedene Länder Lateinamerikas besuchte ich unter anderem die Escuela Caracol, die ich schon seit langem kennenlernen wollte. Wir waren bereits seit einigen Jahren über den WOW Day (der internationalen Schüler:innenkampagne, in der sich Waldorfschüler:innen auf der ganzen Welt durch unterschiedliche Spendenaktionen gegenseitig unterstützen) im Austausch. Deswegen habe ich mich besonders auf den Besuch gefreut und war sehr gespannt darauf, die Lehrkräfte und Kinder persönlich kennenzulernen. Mit dem Boot fuhr ich gemeinsam mit meinem Partner und meiner Familie über den Atitlán See zum kleinen Hafen von San Marcos. Von dort aus folgten wir etwa 15 Minuten lang einem schmalen, von bunten Verkaufsständen gesäumten Fußweg bergauf zur Schule. Nachdem wir den geschwungen gepflasterten Pfad durch den dschungelartigen Gartenbereich des Schulgeländes entlanggelaufen waren, wurden wir direkt von lachenden, singenden Kindergartenkindern empfangen. Sie kamen uns teilweise Hand in Hand, teilweise mutig über Steine kletternd in einer Art Lauf-Stopp-Spiel entgegen, um zu ihrem Draußen-Spielbereich zu laufen. Das gesamte Gelände der Schule empfand ich als Abenteuerspielbereich: Überall gab es Felsen und Bäume zu beklettern, hinter Pflanzen versteckte Ecken und unterschiedlich geformte Klassen- und Gemeinschaftsgebäude. Es ist sehr grün, ein bisschen verwunschen und ich hatte das Gefühl, dass jeder Winkel mit Liebe gestaltet ist.
Das bunt gestaltete Spielzeug und das abenteuerliche Gelände mit Schaukeln, Kletterseilen und Ecken zum Entdecken, lösten einen starken nostalgischen Wunsch in mir aus, selbst noch einmal in den Kindergarten zu gehen, zu spielen und den Märchen aus unterschiedlichen Kulturkreisen zu lauschen. Nach den jüngeren Kindergartengruppen besuchten wir auch noch die älteren Kinder in der Schule.
Eine der Schulklassen war gerade dabei, in der Palapa, eine Art offener, kreisförmiger Pavillon mit Palmendach, erste Yoga-Erfahrungen mit einer freiwilligen Yogalehrerin zu sammeln, die gerade in San Marcos war und den Kindern einige Achtsamkeits-, Atem- und Yogaübungen zeigen wollte. Ansonsten durften wir noch bei einer weiteren Kindergartengruppe in den kreativ gestalteten Mathematikunterricht und in den Englischunterricht der älteren Klassenstufen hineinschnuppern. Insgesamt wirkten die Kinder alle fröhlich verspielt, offen und lerneifrig. Wir wurden von allen begrüßt und herzlich interessiert aufgenommen, was eine sehr schöne Erfahrung war.
Von den finanziellen Hürden, welche die Escuela Caracol überwinden muss, bemerkten wir in dem Kindergarten- und Schulalltag glücklicherweise nichts. Trotz der alltäglichen finanziellen Herausforderungen und Unsicherheiten waren alle Mitarbeiter:innen unglaublich liebenswürdig mit den Kindern. Alle waren engagiert und mit Herz und Seele bei der Sache, obwohl sie die Ersten sind, die von Spendenrückgängen und anderen finanziellen Schwierigkeiten betroffen sind – etwa 75 Prozent des gesamten Einkommens der Escuela Caracol wird für die Gehälter benötigt. Eine Gehaltserhöhung für die 17 Lehrkräfte konnte sich die Schule schon lange nicht mehr leisten, obwohl sie dringend nötig wäre. Die meisten Lehrer:innen und Lehrer verdienen hier etwa 300 Euro im Monat, was weit unter dem Durchschnittseinkommen Guatemalas liegt.
Zwar hat sich durch die 2025 angepassten Schulgelder die Einkommensstruktur der Schule etwas verändert, jedoch nicht ausreichend, um spendenunabhängig zu agieren. 60 Prozent der Gesamteinnahmen der Schule kommen aus den Sponsorship-Programmen (regelmäßige Spenden durch Bildungspatenschaften) der Schule, der überwiegende Rest der Einnahmen kommt aus freien, unregelmäßigen Spenden. Die Schulgelder leisten tatsächlich nur einen geringen Beitrag, was für das soziale Konzept der Schule sehr wichtig ist. Knapp 90 Prozent aller Kinder kommen aus indigenen, in Guatemala häufig sozial und finanziell benachteiligten Familien, die sich hohe Schulgebühren nicht leisten können. Schon die diesjährige Erhöhung der Schulgebühren auf 400 Quetzal (etwa 45 Euro) pro Monat führte dazu, dass 15 Kinder die Schule verlassen haben, obwohl sie eine der wenigen Alternativen ist, in der die Kinder neben Spanisch und Englisch auch in ihrer indigenen Maya-Muttersprache Kaqchikel unterrichtet werden. Dementsprechend wichtig ist es, die Elternbeiträge so gering wie möglich zu halten. Obwohl es eine Schule für überwiegend indigene Kinder ist, hilft die guatemaltekische Regierung nicht bei der Finanzierung.
Diese Schwierigkeiten rücken das langfristige Ziel der Escuela Caracol, nämlich die Gründung einer achten und neunten Klasse, in immer weitere Ferne.
Ganz persönlich finde ich es unglaublich bewundernswert, wie die Mitarbeiter:innen es schaffen, nichts von diesen schwierigen Herausforderungen mit in ihren Unterricht zu tragen. In den Klassenzimmern gab es eine Leichtigkeit und Fröhlichkeit, die ich selten an Schulen so gespürt habe. Tatsächlich wirkte die Escuela Caracol wie ein kleines Paradies auf mich, in dem ich unfassbar gerne zur Schule gegangen wäre.
Johanna Ruber
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