Viele der aus Gaza nach Ägypten geflohenen Menschen ziehen sich in sich zurück. Sie wollen oder können ihre belastenden Erfahrungen nicht mit anderen teilen und können gleichzeitig auch nicht bei den Erzählungen der anderen zuhören. In der Konsequenz leben sie oft isoliert voneinander und die Last bleibt unausgesprochen. Vor allem für die Kinder und Jugendlichen hat das zur Folge, dass sie außer dem Online-Unterricht, den sie erhalten, kaum bis gar keinen sozialen Austausch erleben. Auch die Kommunikation und Beziehung zu den Eltern ist häufig durch das Erlebte gestört.
An unserem ersten Tag hatten wir die Möglichkeit, mit zwanzig Eltern zu arbeiten. Neben Psychoedukation gaben wir Workshops in Kunst und Bewegung, außerdem boten wir Zeit für eine offene Gesprächsrunde an. In dieser berichteten die Eltern von der Abwärtsspirale, die sie erleben seit sie geflohen sind. Belastet durch Erinnerungen, schlechtes Gewissen und Nachrichten aus der Heimat, fliehen sie vor sich und ihren Gefühlen. Meistens vor die Handys, welche ihnen Ablenkung bieten. Sie erleben ihre Kinder oft aggressiv oder auch depressiv. Sie leiden unter dem mangelnden Angebot des sozialen Austauschs und auch den Eltern fällt es aufgrund eigener Belastungen schwer, für ihre Kinder da zu sein. Umso wichtiger ist es also, einen Child Friendly Space aufzubauen, in dem die Kinder regelmäßig betreut werden und sich begegnen können.
Die darauffolgenden fünf Tage trafen wir uns mit den jungen Pädagoginnen und Pädagogen mit dem Ziel, sie in die Psychotraumatologie sowie Notfall- und Traumapädagogik einzuführen. Neben den theoretischen Einheiten boten wir Workshops zu Kunst und Bewegung an, um direkt in der Selbstwahrnehmung zu erfahren: Was machen die Übungen mit mir? Was bedeutet Rhythmus? Was bedeutet es, wenn ich Zeit habe, künstlerisch aktiv zu werden? Außerdem gaben wir den Pädagog:innen Einblicke, wie sie die Zeit mit den Kindern traumasensibel gestalten können. Warum verhält sich ein Kind aggressiv? Was möchte es mir mit dem Verhalten sagen?
Immer wieder konnten wir in der Vergangenheit die Erfahrung machen, dass die Workshops und Fortbildungen für Erwachsene nicht nur ein Ort des fachlichen Lernens sind, sondern auch ein Ort, an dem die Menschen wieder zu sich selbst finden können. Selten haben wir das jedoch so deutlich erlebt wie hier in Ägypten. Ein Satz, den wir immer wieder während unserer Zeit dort hörten, war: „Darüber habe ich bisher noch mit niemanden gesprochen“, gefolgt von Geschichten des Leids und Schmerzes, dem Verlust von geliebten Menschen und Orten. Salwa* erzählt zum Beispiel, wie sie noch heute das Duschwasser in Töpfen kocht: „Wie kann ich warm duschen, wenn ich weiß, dass meine Familie zu Hause keinen Zugang zu Wasser hat?“ Fatima* berichtet, dass es ihr oft schwer fällt zu essen, da sie weiß, dass ihre Freundinnen und Freunde in Gaza keine Nahrungssicherheit erleben. Für Hala* fühlt es sich an wie ein Erfolg, wenn sie es schafft, ihre Gefühle nicht zu zulassen. Viele Tränen wurden geweint, es gab aber auch viele Momente der Freude und des Ausatmens.
Die Musiktherapeutin Zeina bringt besonders treffend zum Ausdruck, dass diese Form der Begegnung nicht nur für die Teilnehmenden, sondern auch für uns weit mehr bedeutet als reine Wissensvermittlung. In ihrem Rückblick schrieb sie uns folgende Worte:
„Für mich persönlich war die stärkste Erkenntnis die über den „Eisberg“ – dass das, was wir an der Oberfläche sehen, nur ein Fragment der Erfahrung einer Person ist. Ihr Verhalten ist nur die Spitze – darunter liegt eine ganz andere Welt. Ich werde aufhören, die Dinge persönlich zu nehmen. Ich werde anfangen zu fragen: Was könnte unter der Oberfläche vor sich gehen? Dieser Perspektivwechsel hat mich verändert – nicht nur in meiner Arbeit, sondern auch in meiner Beziehung zu Menschen im Allgemeinen.“ Weiter schreibt sie: „Gefühlsmäßig war ich demütig. Das Vertrauen derer zu haben, die so schwer trauern, ihren Tränen beizuwohnen, ihre Geschichten zu hören, an ihrem Schmerz teilzuhaben – das war ehrwürdig. Es gab Momente, in denen der Raum mehr enthielt als nur Worte oder Kunst – er enthielt kollektiven Kummer, Mut und eine verzweifelte Sehnsucht nach Frieden. Wir weinten gemeinsam. Wir schufen gemeinsam. Wir haben gemeinsam Einblicke in die Heilung gefunden. Ich hatte das Gefühl, dass ich genau da war, wo ich sein musste. Lange Zeit trug ich ein Gefühl der Hilflosigkeit mit mir herum. Aber in diesen Tagen während der Workshops verwandelte sich diese Hilflosigkeit in Aktion, Verbindung und Präsenz. Ich hatte das Gefühl, etwas zu tun, das von Bedeutung war. Egal wie klein es war, es war wichtig.“
Zeina und Ahmad, der Tanztherapeut, betonten immer wieder, wie wertvoll und bedeutungsvoll dieser Workshop auch für sie selbst sei – vor allem, weil sie viele Erfahrungen und Gefühle mit den Teilnehmenden teilen können. In unseren Nachbesprechungen ließen sie uns immer wieder an den Momenten teilhaben, die sie besonders berührt haben.
Ein Beispiel hat uns besonders bewegt: Ein Teilnehmer erzählte, dass er seit seiner Flucht aus Gaza unter starken Schlafstörungen leidet. An guten Tagen schläft er höchstens drei Stunden – vor dem Workshop hatte er sogar sechs Tage lang gar nicht richtig geschlafen. Doch nach dem ersten Tag unseres Workshops schlief er ganze zehn Stunden durch. Sowohl er selbst als auch seine Mutter waren sehr erstaunt. Er berichtete, dass er eine innere Ruhe gespürt habe, die ihm längst verloren gegangen schien.
Besonders bereichernd war zu beobachten, wie die Gruppe über die Woche immer mehr zusammengerückt ist und so ein kleiner Schritt aus der Isolation gewonnen wurde. Denn darin waren sich alle einig: Gemeinsam können wir es schaffen, den Kindern einen sicheren Ort zu bieten! Die neu gewonnene Energie aus dem Training hat das Team aus Gaza direkt umgesetzt und einen ersten Tag für die Kinder organisiert. In Zukunft werden nun regelmäßige Angebote für die Kinder stattfinden.
In Dankbarkeit für diese besondere Woche, die möglich wurde durch die Unterstützung von Aktion Deutschland hilft,
Fabian Krämer und Fiona Bay
*Die Namen der Teilnehmenden sind geändert.

