Am Morgen des 10. Oktobers landeten wir in Lahore. Lahore ist die Bundeshauptstadt von Punjab dem Bevölkerungsreichsten Bundesstaates Pakistans. Punjab hat von allen Provinzen Pakistans die höchste Alphabetisierungs- sowie niedrigste Armutsquote. Hier können Frauen ohne Kopftuch gehen, hier können Frauen sich beruflich in hohen Positionen wiederfinden.
Untergebracht wurden wir bei der Roshni Association. Hier leben 30 Menschen mit Behinderung und weitere kommen täglich, um in den verschiedenen Werkstätten (Bäckerei, Schneiderei, Holzwerkstatt, und Kunstwerkstatt) mitzuarbeiten. Zu Roshni gehört auch ein ambulanter Dienst. Hier werden Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit Behinderung in den umliegenden Dörfern besucht. Ziel ist es, den Familien Hilfe zu leisten im Umgang mit Menschen mit Behinderung. Immer noch sind Menschen mit Behinderung in Teilen des Landes von der Außenwelt abgeschnitten. Vielen wird vorenthalten, ihre eigenen Ressourcen auszuschöpfen und so kommt es immer wieder vor, dass Erwachsene, die in das Programm von Roshni aufgenommen werden, weder wissen, wie eine Toilette zu nutzen ist, noch sonstige alltägliche Dinge des Lebens gelernt haben.
Ein weiterer Teil der Roshni Association ist die Green Earth Roshni School. Hier werden 300 Kinder und Jugendlich basierend auf der Waldorfpädagogik unterrichtet. Zudem ist die Schule inklusiv, so dass in jeder Klasse auch Kinder sind, die in der einen oder anderen Form Unterstützung brauchen. Zu großen Teilen wird die Schule von Green Earth Recycling einer Firma die Plastik und andere Wertstoffe recycelt und weiterverkauft, unterstützt.
Wir hatten das Glück, sowohl Roshni, das Ambulante Programm als auch die Schule besuchen zu dürfen. Besonders angetan waren wir von dem respektvollen und liebevollen Umgang zwischen den Mitarbeitenden, als auch den Menschen, die in diesem Projekt ein Zuhause gefunden haben und den Kindern in der Schule.
Am Dienstag den 12.10 begann unsere Reise in den Süden des Landes. Ziel war Gambat in der Provinz Sindh, eine der durch die Fluten, am schwersten betroffenen Gegenden in Pakistan. Nach zehn Stunden Fahrt auf einer recht Modernen Autobahn ging es die letzten zwei Stunden über holprige Pisten. Der Fahrstil der pakistanischen Autofahrer rang uns ab und zu ein gutes Ausatmen ab, die Verkehrsregeln waren uns fremd und schwer durchschaubar. Während nach der Ankunft im Hotel das Team ins Bett gehen konnte, begann für mich der Arbeitstag. Unten in der Lobby warteten ein Anwalt, der die Politiker der Provinz berät, sowie ein Landlord. Um 10.30 Uhr abends kam dann noch Essen dazu, sodass wir bis 12 Uhr zusammensaßen, aßen und die kommenden Tage besprachen. Müde und mit sehr vollem Magen ging es für mich dann ins Bett.
Am nächsten Morgen war der Plan, dass wir erst mal zu zweit mit unserem Lokalen Koordinator einige der empfohlenen Gegenden abfahren und dann mittags basierend auf unserem Assessment die Orte bestimmten, an denen wir in den nächsten Tagen arbeiten würden. Das erste Camp, das wir besuchten, war ein provisorisches Camp auf dem Land des Landlords, den ich am Abend kennengelernt hatte. Hier leben ca. 150 Menschen. Sanitäre Anlagen gibt es keine, ein selbst gegrabenes Loch, das mit Plastik umzäunt wurde, dient als Toilette. Die Unterkünfte bestehen primär aus Palmenblätterdächern und Tüchern oder Plastikplanen, die an Bambusästen befestigt sind und so etwas Privatsphäre ermöglichen. Zwischen den Unterkünften sind die Tiere untergebracht. Auf der einen Seite des Camps ist die große Bundesstraße, die den Süden (Karachi) mit dem Norden verbindet. Hier fahren viele bunte Lastwagen, die von der Hafenstadt Karachi Güter ins Land bringen. Auf der anderen Seite des Camps ist Wasser. Palmen, die noch bis zu 80 cm im Wasser stehen und Flächen, die noch bis zu einem Meter unter Wasser sind. Inzwischen waren die heftigen Regenfälle mehr als zwei Monate her und dennoch sah man Wasser, wohin das Auge reichte.
Bei der Ankunft wurden wir von neugierigen Bewohnerinnen und Kindern begrüßt. Auch wenn kein wirklicher Schattenplatz zu Verfügung war, so wollten wir doch gerne hier mit den Kindern arbeiten. Wir fuhren direkt zurück zum Hotel und holten den Rest des Teams.
Die nächsten drei Tage arbeiteten wir im Camp mit ca. 60 Kindern jeden morgen für 1,5 Stunden. Einige der Kinder zeigten Auffälligkeiten in ihrer Interaktion. So sahen wir einige Kinder, die völlig apathisch wirkten. Als wir die Kinder baten zu malen, wonach ihnen war, malte ein Großteil der Kinder Häuser. Allgemein war das Thema, wieder nach Hause zu wollen, allgegenwärtig. Für die Erwachsenen war die größte Sorge die Nahrung. In Sindh ist es vor allem das Anbauen von Korn und Baumwolle, womit die Menschen Geld verdienen. Nun stehen große Teile unter Wasser und unklar ist, wann eine Ernte wieder möglich ist.
Eines der Mädchen, Aisha* (14 Jahre alt), sprach Englisch. Sie erzählte, wie das Wasser langsam anstieg und sie schlussendlich als erstes in ihre alte Schule flohen um dort im zweiten Stock Sicherheit zu suchen. Einige ihrer Verwandten überlebten die Fluten jedoch nicht, sie konnten sich nicht rechtzeitig retten. Aisha ist sehr ehrgeizig und möchte die Schule gut beenden um eines Tages Ärztin zu werden. Ihre größte Sorge ist die Nahrungssicherheit, ihr Vater sei Landwirt aber das ganze Land sei unter Wasser. Zum Abschied bedankte sie sich, dass wir gekommen sind um zu sehen was passiert ist, ihnen zuzuhören und den Kindern Freude zu schenken.
Neben der Arbeit im Camp konnten wir auch über die drei Tage an der Schule nebenan arbeiten. Hier hatten wir im Schnitt 250 Kinder, die sich mit einer unheimlichen Freude an den Aktivitäten beteiligten. Neben der Arbeit mit den Kindern konnten wir dort auch mit den Lehrerinnen arbeiten, die ein großes Interesse an Notfallpädagogik zeigten.
Nach drei Tagen in Sindh ging es für uns weiter nach Balochistan. Neben Sindh ist Balochistan am schwersten betroffen gewesen von den Fluten. Auf der Fahrt konnten wir dazu auch nochmal Eindrücke gewinnen; so waren an den Straßen entlang provisorische Zelte aufgebaut. Während man sonst auch hier vor allem Wasser sah.
In Balochistan arbeiteten wir in einem Dorf mit Kindern, von denen viele ihr Zuhause verloren haben. Über die drei Tage kamen nachmittags insgesamt 250 Kinder, um an den von uns angebotenen Aktivitäten Teilzunehmen. Primär arbeiteten wir Erlebnispädagogisch mit den Kindern. Die Kleineren durften mit unserer Kleinkindpädagogin Conni Sprüche, Geschichten und kleine Tänze machen. Hier war die Intention vor allem den Kindern Freude zu schenken und sie mit Rhythmischen Übungen (wie durch Sprüche oder Tänze) in der Verarbeitung des Schockes zu unterstützen. Mit den größeren machten wir kompliziertere Rhythmusübungen und Ballspiele sowie Balance-Übungen. Die großen Jungs und Mädchen wurden in die Kunst der Fadenspiele eingeführt. Fadenspiele eignen sich für das Üben therapeutischer Grundelemente wie Anspannung und Entspannung durch das Spannen und Lösen der Fäden, Trainieren des Raumsinns und Überkreuzungen. Sie helfen bei der Verbesserung der Körperwahrnehmung und die Kinder erleben Selbstwirksamkeit. Wie groß war doch jeweils die Freude, wenn ein neues Fadenspiel erfolgreich umgesetzt werden konnte.
Über die drei Tage beobachteten wir, wie die Kinder aus der anfänglichen Scheu und auch Unsicherheit herauskamen. Mit jedem Erfolgserlebnis und jeder Übung, die sie über die drei Tage besser beherrschten, erfuhren sie mehr über Selbstwirksamkeit.
An zwei Vormittagen konnten wir mit den Schulkindern einer Schule in der Nähe arbeiten. Da die Schule aus nur zwei Räumen bestand, trafen wir die Kinder draußen. In der prallen Sonne konnten wir nur kurze Einheiten machen, unterbrochen von Wasser und Erholungspausen da es für alle sehr heiß war. An dem zweiten Vormittag mit den Schulkindern lernten wir Mohammed* kennen, ein junger Sozialarbeiter, der sich gemeinsam mit Studierenden für Schüler:innen in der Gegend einsetzt. Sie sammeln Spenden in Form von zum Beispiel Büchern oder Rucksäcken und verteilen diese an die Kinder. Mohammed war sehr begeistert von unserer Arbeit und der Notfallpädagogik. Ohne große Worte erkannte er, welchen Wert die Arbeit hat. Er möchte in Zukunft Notfallpädagogik besser kennenlernen, um auch auf diesen Ebenen Kindern zu helfen.
Am letzten Abend besuchten wir Khara*, eine junge Ärztin aus Usta Muhammed. Sie erzählte von den Wochen, in denen es nur regnete und sie zusahen, wie das Wasser immer weiter stieg. Sie erzählte von den Nachbarn aus den einfachen Lehmhütten, die ihre Häuser nach und nach verloren, weil der Lehm dem Wasser nicht Widerstand leisten konnte. Eine Geschichte konnte ich nicht vergessen: Eines Abends während des Regens saß sie zuhause, als sie gerufen wurde. Ein Lehmhaus war kollabiert und auf das noch schlafende 8-jährige Kind gefallen. Man holte Khara um als Ärztin zu helfen, die Hilfe hier war jedoch zu spät. Neben der 33 Millionen Menschen, die durch die Fluten betroffen sind, starben mehr als 1.000 Menschen, darunter 400 Kinder.
Seelisches Leid ist stark stigmatisiert in Balochistan und Sindh. Beziehungsweise werden sie ignoriert. Um so mehr hat uns die Begegnung mit Mohammed und zwei Lehrerinnen erfreut. Da diese sofort Verstanden, welchen Wert die Notfallpädagogik für Kinder hat. Nicht selten waren wir mit Menschen konfrontiert, die uns fragten, wo etwas „Materielles“ für die Kinder sei, denn „spielen“ könnten sie ja auch ohne Erwachsene. Dennoch erlebten wir auch, dass in spontanen Situationen, in denen wir mit Kindern arbeiteten die Väter und Mütter dazu kamen und nicht selten am Ende um den Kreis herumstanden und leise mitmachten oder sich erfreuten und lachten.
Fiona Bay

